Mittwoch, 6. Mai 2015

(Buchvorstellung) 1000 Peitschenhiebe - Weil ich sage, was ich denke (Texte von Raif Badawi)

 
Titel: 1000 Peitschenhiebe - Weil ich sage, was ich denke
Autor: Raif Badawi
Seiten: 64
Erscheinungstermin: 1.04.2015
Verlag: Ullstein Streitschrift
Rezensionsexemplar: Ja

Was hat mich an dem Buch angezogen?
Der Fall beschäftigt mich schon länger, weshalb ich wissen wollte, welche Texte der Mann in der Vergangenheit verfasst hatte.

Inhalt:
Raif Badawi, saudi-arabischer Blogger, teilte im Internet seine Gedanken über Politik, Religion und Freiheit. Dafür wurde er zu 1000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilt. Diese Streitschrift versammelt die zentralen, verbotenen Texte Badawis. Sie zeigen die Spannungen zwischen einer traditionellen Auslegung des Islam und dem Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gegenwart. Badawi fordert Liberalismus, Toleranz, Pluralität, Meinungsfreiheit und Menschenrechte – weil sonst die arabisch-islamische Welt verloren ist. Mit einem aktuellen Text, den Raif Badawi für dieses Buch über sein Leben im Gefängnis verfasst hat. Die Veröffentlichung dieses Buches ist ein Non-profit-Projekt zugunsten des Autors. (Klappentext, Amazon)

Worum geht's?
Im Januar ging ein Aufschrei durch die westlichen Medien. Kurz nach dem Anschlag in Paris auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" bekundete Saudi-Arabien seine Anteilnahme. Man schätze die Meinungsfreiheit und sei empört, hieß es damals.
Zwei Tage später verpasste man Raif Badawi öffentlich in Riad 50 Stockhiebe, da er angeblich den Islam beleidigt hatte. Das Ganze klingt schon sehr abstrakt, wenn man bedenkt, dass Schreiben das Einzige war, was der Mann getan hatte. Aber das ist nur der Anfang einer Strafe von 1.000 Hieben, zehn Jahren Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet knapp 200.000 Euro.

Aber was hat der, seit fast drei Jahren, inhaftierte Mann geschrieben, das die Regierung dazu veranlasste, ihn mundtot zu machen? Einige seiner Texte hat der Ullstein-Verlag übersetzen lassen und die schauen wir uns jetzt einmal an.

Positives:
Zuerst einmal fällt auf, dass Raif Badawi einen sehr angenehmen Schreibstil hat, sollten die Texte 1:1 übersetzt worden sein. Er holt den Leser direkt im ersten Satz ab und lässt ihn erst wieder am Ende seines Artikels wieder los.
Die etwas über 50 Seiten lassen sich somit sehr schnell in einem gemütlichen Stündchen auf der Couch lesen. Man merkt schnell, wo sich die Punkte verstecken, die der Regierung sauer aufgestoßen sein könnten. "Wer die arabische Gesellschaft beobachtet, dem wird sich auf spektakuläre Weise zeigen, wie diese unter der Last der Theologie ächzt, stöhnt und leidet, deren Kleriker nichts als den Satz »Ich höre und gehorche« hören wollen." (S.30). Harte Worte, die der Regierung vorwerfen, ihr Volk zu unterdrücken.
Badawi macht in seinen Texten den Spagat deutlich, den sein Land zwischen der Moderne und seiner Kultur versucht, und wie schwer es in der Zukunft sein wird, diesen weiterhin auszubalancieren. Auf der einen Seite lobt das Land seine Meinungsfreiheit, auf der anderen wird alles, was die Regierung nicht hören möchte, als "Beleidigung des Islams" ausgelegt. Die Menschen lernen, sich selbst zu zensieren. "Das religiöse Denken hingegen strebt danach, unser Leben bis in alle Einzelheiten zu kontrollieren." (S.47), führt Raif Badawi seinem Gedankengang fort und beschuldigt das Königshaus, die Religion zur Machtausübung zu nutzen. Allerdings macht er immer wieder deutlich, dass er den Glauben schätzt und durchaus der Meinung ist, dass Regierung und Religion friedlich in Co-Existenz bestehen können.

Negatives:
Womit ich ein paar Probleme hatte waren die Fakten. Wer die Medien aufmerksam verfolgt hat und Artikel aus der Zeit und dem Spiegel las, der stolpert hier über ein paar Ungereimtheiten.
Zum einen wirkt das Vorwort so, als hätte Raif Badawi wirklich einen Brief aus dem Gefängnis geschrieben. Laut dem Spiegel wurde es allerdings anhand von Telefongesprächen mit seiner Frau konstruiert.
Wer die ersten Medienberichte aus seriösen Zeitungen mitbekommen hatte, der erinnert sich noch daran, dass Augenzeugen berichtete, dass er nach der Auspeitschung selbstständig zum Auto zurücklaufen konnte. Im Vorwort steht: "Ich selbst sehe mich einfach als jenen dünnen, aber zähen Mann, der auf wundersame Weise fünfzig Peitschenhiebe überlebt hat (...)" (S.18). Das klingt sehr dramatisch, als sei er nur knapp mit dem Leben davon gekommen.
Vielleicht bin ich da sehr kritisch, aber solche Themen sind sensibel. Wenn wir möchten, dass diese Fälle ernst genommen werden, dann müssten wir trotz aller Sympathie und Mitgefühl bei den Fakten bleiben und Dinge nicht überdramatisieren. Wird von der allgemeinen Berichterstattung abgewichen, dann müssen Begründungen her.
Das sind Kleinigkeiten, die einfach keinen guten Eindruck machen. Eine Zeitung, ich weiß nicht mehr ob es die FAZ, Spiegel oder die Zeit war, hatte ein Interview mit Badawis Ehefrau abgedruckt in dem erzählt wurde, dass die beiden sich durch Freunde kennengelernt haben, im Vorwort war es so, dass der junge Mann sich am Telefon verwählt hatte. Das sind natürlich Nichtigkeiten, die allerdings den Eindruck erwecken, als versuche man die Menschen verzweifelt auf Badawis Seite zu ziehen.
Dabei muss man das meiner Meinung nach überhaupt nicht, denn der Fall an sich ist schon unmenschlich genug.

Fazit:
Jetzt habe ich genauso viel gelobt, wie gemeckert. Dabei muss man jedoch bedenken, dass dieses Buch nicht nur Menschen mit journalistischem Hintergrund abholen soll, sondern die Allgemeinheit. Das ist definitiv gelungen. Es ist sehr gut und angenehm geschrieben, Inhaltlich interessant und macht nach all den Negativmeldungen aus dem Nahen Osten Hoffnung, dass es noch mehr Menschen wie Raif Badawi gibt, die nach den Motto leben: "(...) Liberalismus heißt »leben und leben lassen«." (S. 32).


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