Samstag, 13. Mai 2017

(Gequatschtes) Tote Mädchen lügen nicht und der Werther-Effekt

Puhh, ganz schön viel Medienrummel um die Fernsehserie "Tote Mädchen lügen nicht". Nicht geeignete Szenen für Jüngere - stimmt. Rechtfertigung von Hanna's Selbstmord - stimmt auch. Gefahr für labile Zuschauer, es der Protagonistin gleichzutun - darüber sollten wir in der Tat mal sprechen.

Worum es in der Netflix-Serie geht, dürfte allgemein bekannt sein: Eine Schülerin nimmt sich das Leben, nachdem sie mit den Problemen in ihrem Umfeld nicht mehr klarkommt. Niemand hat es erwartet, dass sie depressiv war hat keiner erkannt und ihre letzten (leisen) Hilferufe wurden überhört. Sie hinterlässt ihren Mitschülern sieben Kassetten mit 13 besprochenen Seiten. Jede Hälfte ist für eine Person bestimmt. In Hannahs Augen trägt jeder von ihnen eine Mitschuld an ihrem Tod.

Selbstmord mit Anleitung


Auch ich hab die Serie gesehen, ehrlich gesagt regelrecht gesuchtet. Morbide? Vielleicht ein bisschen, aber vor allem menschlich, denn ich wollte wissen, warum Hannah Baker keinen Ausweg wusste und ich wollte auch erfahren, was Clay (der Protagonist) damit zu tun hatte. Manche Dinge am Anfang kamen mir überdramatisiert vor, andere waren tatsächlich schrecklich. Aber gerade dadurch wird deutlich, wie schnell eine Situation außer Kontrolle geraten kann und welchen Effekt das auf eine angeschlagene Persönlichkeit haben kann.
Die Serie spielt besser mit den Emotionen des Zuschauers als die meisten Thriller, die ich bis jetzt gesehen habe. Es ist wirklich hartes Futter, es ist schonungslos und das nicht nur durch angedeutete Szenen. Manch einer mag schon bei sexueller Gewalt geschluckt haben, ich tat es definitiv in dem Moment, als gezeigt wurde, wie Hanna sich die Pulsadern aufschnitt. Und zwar langsam, detailliert und perfekt als Anleitung zum Nachmachen. Ich weiß, ich greife hier gerade Details der Serie auf, die ich sonst als Spoiler verteufeln würde.

Dreieinhalb überflüssige Minuten


Aber, wir müssen mal reden: Selbstmord an sich zu thematisieren ist wichtig. Die Serie an sich ist extrem gut gemacht, sie ist mitreißend, ja - manchmal reißt sie dem Zuschauer auch das Herz heraus. Mir lag sie extrem schwer im Magen. Was also macht sie mit jemandem, der wirklich darüber nachdenkt, seinem Leben ein Ende zu setzen? Ich weiß es nicht und gerade das macht mich nachdenklich.
Ihre ehemaligen Freunde und Klassenkameraden machen sich Vorwürfe, fangen an zu verstehen, warum Hanna sich umbrachte. Was macht das mit dem Zuschauer? Empfinden wir Genugtuung, dass die, die ihr das Leben zur Hölle gemacht haben, jetzt selbst leiden? Ich bin ehrlich: Diese dreieinhalb Minuten am Ende, in denen Hannah sich die Pulsadern aufschneidet konnte ich mir nicht ansehen. Es ging einfach nicht. Es hat mir beim Zusehen weh getan und mir war kotzübel - das ist die ungeschönte Wahrheit und ich weiß, dass es genau die Reaktion ist, die die Macher erreichen wollten - also herzlichen Glückwunsch.

Staffel zwei wird kommen


All das, was ich euch bis hierhin erzählt habe, wisst ihr selbst. Warum also mein Gequatsche an so einen schönen Wochenende? Ganz einfach: Ich teile die Sorge des Spiegels, der FAZ und all der Medien, die dieses Mal in meinen Augen zurecht "Halt, stopp mal!" rufen. Wir berichten in Zeitungen nicht über Selbstmord, schon gar nicht über die Details, wie sich jemand das Leben genommen hat, um zu verhindern, dass Menschen das nachahmen. Und jetzt erscheint eine ganze (Jugend!)serie darüber, wie sich jemand umbringt, liefert eine detaillierte Anleitung dazu und Rechtfertigungen.

Die Serie ist großartig gemacht, vor allem was den Plot und die Stilmittel und Kameraführung betreffen. Aber sie ist ein Risiko, wie groß das Risiko ist, weiß ich nicht. Dass der Werther-Effekt hier passieren kann, halte ich aber für durchaus realistisch.

Übrigens hat Netflix bekanntgegeben, dass es eine zweite Staffel geben wird. Und ja, ich werde sie schauen. Auch, wenn ich nicht mit jedem Stilmittel der Produzenten in der ersten Staffel konform gehe. Das Thema Suizid zu behandeln ist wichtig, es zu rechtfertigen und zu detailliert zu thematisieren allerdings gefährlich.

1 Kommentar:

  1. Hallo Sonja,

    erst mal: Ich habe die Serie nicht gesehen. Dafür das Buch mehrmals gelesen, in dem über den Vorgang des Selbstmords maximal Andeutungen vorkamen. Was in meinen Augen auch die andere Seite ganz gut zeigt: nämlich das Unglauben, dass sie wirklich tot ist und nicht gleich wiederkommt, weil man den Tod so nicht gesehen hat. Weil man das alles nur durch Worte erfahren hat.

    Aber ja, ich stimme dir zu, dass das Verfilmen auf diese Weise diskussionswürdig ist. Wobei ich auch nicht bestreiten würde, dass man entsprechende "Anleitungen" nicht auch einfach so im Internet findet, aber dein Beitrag dreht sich vor allem ja auch um den Trigger-Effekt.
    Ich denke, das ist bei solchen Themen und ihrer Umsetzung in Kunst immer schwierig. Einerseits soll es authentisch sein und Unbeteiligte da hineinversetzen, umgekehrt ist aber eine detailreichere Darstellung sofort mit Trigger-Gefahr verbunden. Das fängt vermutlich schon mit Büchern übers Ritzen an und endet dann bei Selbstmord in Serien. Oder geht noch weiter.
    Gibt es da ein richtig und ein falsch? Ist es das Risiko wert?

    Was ich an dem Buch unglaublich gut fand, war, dass gezeigt wurde, dass es Menschen gibt, für die es sich gelohnt hätte, weiterzuleben, die einen vermissen. Ob das in der Serie auch rübergekommen ist, kann ich wie gesagt nicht beurteilen.
    Prinzipiell denke ich, dass eine Darstellung der Gründe für Suizid den Eindruck nimmt, das seien feige, egoistische Menschen - ein Eindruck, den es leider immer noch manchmal gibt.
    Was ich an der Geschichte auch mochte, was, dass sie zeugt, wie viel Einfluss scheinbar unbedeutende, wenn auch grenzwertige Handlungen haben können.

    Aber ob man den Suizid selbst deshalb detailliert darstellen sollte, würde ich auch bezweifeln. Denn irgendwo muss man sich auch der Trigger-Gefahr bewusst sein, die im ewigen Konflikt mit der Wunsch nach authentischer Darstellung steht.
    Wobei Totschweigen das Problem auch nicht ändert.

    Was ich mich letztendlich aber frage, ist, worum sich die zweite Staffel drehen soll. :D Und ob das wirklich notwendig ist.

    Liebe Grüße
    Dana

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...